Die Tipps der Medienpädagogen können so nicht funktionieren

Aktualisiert: 24. Juni 2021

Ein Beitrag eines Ex-Gamers.


#2 Mangeldes echtes Interesse


Der vielleicht meistverbreitete Tipp an Eltern im Umgang mit exzessiv gamenden Jugendlichen.


Wahrscheinlich könnt ihr es selbst kaum noch hören, so oft wie Medienpädagogen und selbsternannte Experten dieses Mantra wiederholt haben. Genauso schlecht scheint es nämlich in der Praxis zu funktionieren.

Richtig verwendet, ist es aber für die Beziehung vom Elternteil zum Jugendlichen ein ziemlich starkes Werkzeug, nur leider eines, das meist falsch kommuniziert wird und dadurch auch eine falsche Anwendung findet. Diese Erfahrung durften zumindest meine Eltern machen.


In der Zeit, in der ich sechs bis zehn Stunden täglich vor meinem Computer verbrachte, hat mein Vater immer wieder ein Gespräch mit mir gesucht, um, naja, eine bessere Beziehung zu mir aufzubauen oder auch einfach um zu verstehen, was mich denn so extrem an diese Höllenmaschine fesselt. Vermutlich aber auch, um mich zu motivieren, mehr ins echte Leben rauszuschreiten und weniger Zeit zu verzocken. Dabei hat er ziemlich viel versucht und unter anderem auch Interesse gezeigt, nur hat er dabei zwei große Fehler gemacht, die daran Schuld waren, dass sein gesamter Aufwand eher dafür gesorgt hat, dass wir uns in unserer Beziehung weiter distanziert haben und sich an meinem Spielverhalten kaum was verändert hat.

Der erste große Fehler von ihm war, dass er mit einer starken Voreingenommenheit in diese Gespräche geschritten ist. So waren die allermeisten Computerspiele für ihn immer noch Ballerspiele und die wurden in der Zeit und vor allem in seinem Kopf mit viel Negativem assoziiert.

Anstatt aber zu versuchen zu verstehen, was mich an diesen Welten so reizt, hat er meine Antworten auf seine Fragen vielmehr als eine Bestätigung dafür gesehen, dass er recht hat. Dadurch, dass er seine Voreingenommenheit nicht ablegen konnte, hat er es auch nicht geschafft zu mir durchzudringen, sondern hat nur sich selbst Bestätigung geschenkt.


Natürlich ist es schwierig, seine voreingenommenen Einstellungen abzulegen, denn schließlich hat man aus der eigenen Perspektive ja recht und das will man seinem Gegenüber auch vermitteln, jedoch wird man mit dieser Einstellung nie zu einem guten Gespräch kommen und schon gar nicht mit seinen jugendlichen Kindern.

Dass exzessives Gaming kein gutes Investment von Zeit ist, steht außer Frage, dass ihr es nicht gut findet, wie euer 15-Jähriger sich nur mehr darüber freuen kann, dass er möglichst viele Kills in einer Runde schafft, will auch keiner gut reden. Aber versucht euren Kindern zu zeigen, dass ihr deren Weltansichten, Hobbys und Einstellungen respektiert, denn ohne ihnen dieses Gefühl zu geben, werden sie diejenigen sein, die denken, dass ihr keine Ahnung habt und es sich sowieso nicht auszahlt mit euch zu reden.

Der zweite Fehler meiner Eltern im Signalisieren von Interesse war, dass, das Interesse meines Vaters ein recht Oberflächliches darstellte. So zielten seine Fragen auf die oberflächlichen Grundlagen des Spieles ab und das auch noch mit einem Unterton, der mir zu verstehen gab, dass mein Verhalten vieles ist, jedoch bei weitem kein Erwünschtes. Jugendliche reagieren auf sowas dann meist provokant, indem sie einfach das unerwünschte Verhalten reproduzieren, nur um es den Eltern mal so richtig zu zeigen.

Die voreingenommenen Fragen meiner Eltern klangen in etwa so: „Warum muss da immer so viel geschossen werden, geht das nicht auch ohne Gewalt?“. Was natürlich nur eine gut gemeinte Frage darstellte, mir aber nur gezeigt hat, dass sie keine Ahnung von Battlefield haben und, dass sie meine Aktivität, mit der ich immerhin einen guten Teil meines Tages fülle, als etwas Schlechtes ansehen. Dadurch habe ich angefangen, die Gespräche mit ihnen als was Negatives anzusehen und ihre „Konvertierungsversuche“ immer weniger und weniger zu respektieren.


Wenn ihr euch also wirklich dafür interessiert, was euer Kind den ganzen Tag macht, dann legt euch zu den gespielten Spielen ein Grundwissen an, schaut euch Let‘s-Plays an, und informiert euch über die grundlegenden Mechaniken des Spieles. Ja, ich weiß, ihr habt alle Hände voll zu tun und findet kaum Zeit für irgendwas. Meine Eltern hätten damals aber kein besseres Investment in ihre Eltern-Kind-Beziehung stecken können, als sich eben dieses Grundwissen anzueignen.


Falls ihr euch dafür entscheidet, dieses Investment zu tätigen, dann ist es extrem wichtig, dass ihr das nicht als Arbeit seht, sondern vielmehr als ein Eintauchen in eine euch noch unbekannte Welt, in eine Welt, die sich fundamental von der Realität unterscheidet, in der wir unseren Alltag verbringen. Versucht also, eine Faszination für diese Welt aufzubringen, und anstatt es als Arbeit anzusehen, seht es als eine Gelegenheit, durch welche ihr in die Lebenswelt eurer Kinder eintreten könnt. Diese Gelegenheit hatten eure Eltern noch nicht. Stellt euch nur mal vor, was es für einen Unterschied in euer Jugendphase gemacht hätte, wenn eure Eltern mit einigen Stunden Arbeit ganz einfach die Szene zu versehen gelernt hätten, in der ihr euch damals rumgetrieben habt. Wie sie danach mit euch kommuniziert hätten, auf was sie danach geschaut hätten und wie sie mit euch umgegangen wären, wenn sie den Reiz eures Lebens einfach verstehen hätten können. Immerhin seit ihr interessierte Eltern die bemüht sind und nur das Beste für ihr Kind zu wollen, sonst würdet ihr auch wohl kaum diesen Artikel durchlesen.


Wenn ihr dann das Gefühl habt, ein gewisses Verständnis von dem Spiel zu haben, könnt ihr mit eurem Kind darüber reden, und es wird euch mit hoher Wahrscheinlicht dafür respektieren, dass ihr eure Voreinstellungen abgelegt habt und aus eurem vielbeschäftigten Leben die Zeit und Energie genommen habt, um seine Lebenswelt ein wenig besser zu verstehen. Jetzt könnt ihr eurem Kind auch keine grundlegenden Fragen mehr stellen, die ihn nur nerven, sondern wirklich über seine Spielwelten diskutieren. Wenn ihr schlussendlich wirkliches Interesse signalisieren wollt, dann gehört dazu auch das gemeinsame Spielen.

Euer langfristiges Ziel sollte es dabei aber sein, das Spiel nicht in- und auswendig zu kennen, sondern vielmehr zu verstehen, welche Bedürfnisse es in eurem Kind befriedigt und welche Motivationen es dazu bringt, Stunde um Stunde in der virtuellen Welt zu verbringen. Sprich, was in den Spielwelten gesucht wird, was in der Realität nicht gefunden werden kann.

In der Theorie könnt ihr dann in den unvoreingenommen, interessierten und respektierenden Gesprächen über die Spiele wieder ein wenig in Beziehung zueinander zu kommen, um dann gemeinsam in diesem laufenden Prozess zu verstehen, was im Zocken gesucht wird und durch das bessere Verständnis reale Alternativen finden. Für das Verständnis dieser Welten und detailliertere Vorschläge, wie man wieder in Beziehung zu seinen jugendlichen Kindern treten kann, haben wir eine gesamte Videoserie in Form eines Onlinekurses erstellt, die ihr auch hier finden könnt.

Jugendliche befinden sich in einer ganz besonderen Phase, in einer Phase der Abgrenzung von den Eltern, und das muss man leider akzeptieren. Zudem befindet sich das Gehirn von Jugendlichen in einem starken Wandlungsprozess und es ist generell für Eltern, in den meisten Fällen, recht schwierig einen Zugang zu ihnen zu finden. Aber das muss ich euch sicher nicht erzählen.


Bis zum Schluss liegt es an euch, welches Investment ihr in die Beziehung zu eurem Kind stecken wollt, was aber feststeht, ist die Tatsache, dass von Nix auch Nix kommt, und ihr mit ein wenig Zeitaufwand in einer viel besseren Position steht, um mit euren Kindern richtig kommunizieren zu können.


Weiter zum Teil 3




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